Wenn ein Mensch seine Trauerreaktion nicht mehr kontrollieren kann und keinen Ausweg findet, zeigt er Symptome einer Depression: Lust- und Antriebslosigkeit, Anspannung und dauerhaft negativ konnotierte Gefühle. Bei einer diagnostizierten Depression gilt der Mensch als krank.
Als Trauernder hingegen findet er nach Ablauf einer gewissen Zeit in seinem Umfeld kaum mehr Akzeptanz für seinen starken Schmerz. „Das gibt sich schon wieder“ oder „Die Zeit heilt alle Wunden“ sind die Ratschläge, die der Volksmund in diesem Fall für Trauernde bereithält.
Es gibt Stimmen von hochrangigen Therapeuten (u. a. aus der Bundestherapeutenkammer), die besagen, dass „der Schmerz von Trauernden durchaus Monate oder über ein Jahr dauern kann und nicht als behandlungsbedürftig gelten sollte.“
Auf der anderen Seite nahm 2019 die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die „anhaltende Trauerstörung“ als eigenständiges Krankheitsbild in das Verzeichnis anerkannter Krankheiten ICD-11 auf. Die Frage, ob eine Einstufung als Krankheit den Trauernden Vor- oder Nachteile bringt, spaltet Fachkräfte in Deutschland.
Als Dreh- und Angelpunkt gelten die Definitionskriterien: Die WHO-Diagnose beschreibt eine „dauerhaft bestehende, intensive und beeinträchtigende Reaktion auf einen Verlust“ als krankhafte Trauer. Als Hauptkriterien gelten Dauer und Intensität der Trauer, zusätzlich müssen weitere Aspekte wie Verbitterung, Wut oder emotionale Taubheit zutreffen: Kriterien, die sich schlecht quantifizieren lassen. Primär soll die Definition Betroffenen helfen, die durch eine Verlusterfahrung dauerhaft so beeinträchtigt sind, dass sie ihre sozialen Kontakte nicht mehr pflegen können und die Trauer im Alltag für sie eine zu große Belastung wird.
Vorsicht ist geboten bei einer Stigmatisierung von Trauernden: Die Betroffenen nicht vorschnell in eine Schublade als „psychisch krank“ zu stecken, ist der schmale Grat, den Therapeuten und Fachärzte zu bewältigen haben.